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Zweifellos sind die Skulpturen von Stefan Rinck keine Leichtgewichte. Und doch erscheinen sie wie federleichte Phantasiespiele, in denen der Bildhauer Facetten der High- und Low-Kultur mit Epochen der Kultur- und Kunstgeschichte wagemutig verwirbelt. Ihre widersprüchliche Natur wirkt bezwingend, da sie weniger als steinschwere Monumente denn mehr als freigeistige Capriccios Eindruck machen. Es ist diese Selbstverständlichkeit, die einnehmend auf uns wirkt. Allesamt sind es künstlerische Parameter, die Stefan Rinck in seinem Werk verfolgt. Mit Fingerspitzengefühl justiert er sie von Skulptur zu Skulptur fortwährend neu aus. Vice versa stimulieren sie seine künstlerische Auseinandersetzung mit der Welt.
Unter seinen Händen wachsen sich rohe Gesteinsbrocken zu unbekannten sublimen Wesen aus. Schon bei der Vorauswahl der jeweiligen Steinart denkt er die für das Material spezifischen Bearbeitungsmethoden mit, um der allure der zukünftigen Skulptur gerecht zu werden. Mit der Kennerschaft des Steinmetzes kann sich sein Blick sprunghaft vom eher spröden, lehmfarbenen Elbsandstein hin zum harten und farbintensiven blauen Macauba- oder grünen Atlantis-Quarzit wenden, um unvermutet einen Block schneeweißen Statuario-Marmor, das Nonplusultra jedes klassischen Bildhauers, für seine nächste folie ins Auge zu fassen. Die Material-Melange seines Skulpturenparks beschwört ein phantastisches Panoptikum flirrender Lebensgeister herauf, denen er Leben einhaucht. Mit ihrem vielfach überdrehten Habitus erinnern sie an Picassos extraterrestrische Gaukler der blauen und rosa Periode. Wie sie bevölkern Rincks Statuen unsere Lebenswelt, ohne unsere Realität zu teilen. Das macht sie für uns so anziehend. Unvermittelt werden wir berührt von der Fremde ihres märchenhaften Habitats, das aus der Nähe, aber mit sicherem Abstand betrachtet, unserer menschlichen Natur mit ihren Sehnsüchten und Ängsten nicht unähnlich ist.
Damit zieht uns der vielbelesene Künstler auch tief in die Kultur- und Kunstgeschichte hinein, die sich in seinem Werk ablesen lässt, und teilt seinen Wissensschatz mit uns. Beispielsweise ist seine Begeisterung für die romanische und gotische Kathedralskulptur unübersehbar. Spaßhalber könnte man meinen, dass er in seinen Skulpturen ihren Abwehrzauber für die Gegenwart aktiviert. Vielfach sind es epochale Meilensteine, die er zitiert und in eine neue, zeitgemäße Form transferiert, um nicht zuletzt mit seinem Werk auf die Gegenwart zu reagieren.
Die aktuelle Publikation erscheint anlässlich von Stefan Rincks
Einzelausstellung in der Pinakothek der Moderne. Ab Ende 2025 realisiert
er das erste von drei Rotundenprojekten, die von der Staatlichen
Graphischen Sammlung München kuratiert werden. Der dazugehörige Katalog
versammelt zentrale Skulpturen, die der Künstler in den letzten zehn
Jahren geschaffen hat, und gibt einen Überblick über seine eigensinnige
künstlerische Entwicklung. Daneben dokumentiert er Rincks fulminantes
Crescendo von mehr als dreißig neu geschaffenen Skulpturen, die unter
dem Titel Der Alpen-Clan kehrt zurück in die Pinakothek Einzug
gehalten haben. Wie selbstverständlich beschwören sie ein bajuwarisches
Lebensgefühl herauf, in dem tradierte Kulturpraktiken wie Brauchtum und
Aberglauben, aber auch Heimatstolz und nicht zuletzt Festtagskultur neu
interpretiert werden. Rincks jüngst geschaffenes Panoptikum für die
Pinakothek der Moderne hinterfragt mit Humor in seiner ortspezifischen
Installation regional geprägte kulturelle
Praktiken, macht sie sich zu eigen und deutet sie um. Nicht ohne ein
Augenzwinkern stellt er – man erinnere sich an die hierarchische
Strukturen außer Kraft setzende mittelalterliche Festkultur, wie sie
beispielsweise noch rudimentär im bayerischen Fasching fortlebt – der
bestehenden Ordnung eine Alternative gegenüber. Hier zeigt sich seine
subtile künstlerische Strategie, mit der er komplexe Fragen eher zur
Diskussion stellt, als dass sein Werk eindimensionale Antworten
bereithält.
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